Spiele der Kindheit

Womit haben Sie als Kind gespielt?
(aus einer Serie von Interviews für die Harburger Rundschau/Hamburger Abendblatt)

Hier:
Hannelore, "Loki", Schmidt, Gattin des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt aus Hamburg

von Johanna Renate Wöhlke

Nein, es ist nicht aus der Mode gekommen, den Älteren und Alten zuzuhören, wenn sie die "Wie-es-damals-war" Geschichten erzählen. In diesem Fall ergab sich für mich sogar ein Besuch bei Loki Schmidt. Die Geschichte vor der Geschichte ist schnell erzählt: Dem Helmut Schmidt, so berichtete mir mein Schwiegervater, dem ist er im Fischbeker Holtweg in Hamburg Neugraben nach dem Krieg begegnet, vor einem der damaligen Wochenendgrundstücke, von dem hier viele bis heute noch wissen, dass es das Wochenendgrundstück der Großeltern von Loki Schmidt war. "Und ich als Sanitätsfeldwebel musste ihn als Offizier natürlich grüßen!"
Begegnungen mit Persönlichkeiten der Weltgeschichte, wenn auch nur kurz wie hier mit Helmut Schmidt, dem späteren Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, das vergisst man nicht. Ich aber werde aus einem anderen Grund hellhörig. Großeltern und Wochenendgrundstück, das hört sich nach Kindheit und Kindheitserlebnissen im Spiel in der Fischbeker Heide an, vielleicht sogar über viele Jahre. Also ein Thema für mich. Loki Schmidt enttäuscht mich nicht. Gerne ist sie bereit, über ihre Kindheitserlebnisse in der Fischbeker Heide und ihre Kindheitsspiele zu erzählen. Bis etwa 1936 als sechzehnjährige verbrachte sie ihre Ferien und Wochenenden auf dem Grundstück der Großeltern, die es 1880 gekauft hatten. Danach war sie wieder nach der Ausbombung dort, "wie alle da landeten, wo sie Verwandte hatten".
Zurück in der Kindheit, beschreibt sie das romantische Bild ihres malenden Vaters an der Kiesgrube am Rande der Heide, gerade eine Birke vor Augen, die Mutter und - die kleine Hannelore als erstgeborenes Kind unter vier Geschwistern, die später selbst aus ihrem Namen Hannelore den Namen Loki kreierte. Die Heide damals: weit und ohne ein einziges Haus, viele Bickbeeren. "Ich kenne die Heide noch mit Eichen", erinnert sich Loki Schmidt und auch daran, dass die Bauern ihre Schafe noch mit Heide fütterten. Sie erzählt von gelben Lupinenfeldern, Buchweizenfeldern, auch vom Lehrer ihres Vaters, der ebenfalls ein Heidegrundstück besaß, und mit dem sie gemeinsam durch die Heide streifte.
Als zwölfjähriges Mädchen war das Wasserloch hinter der Kieskuhle ihr Forschungsobjekt für eine Schularbeit, in der sie genau die dort angesiedelten Pflanzen beschrieb. An der heutigen Wendeschleife Waldfrieden waren damals noch Sumpflöcher, in denen Kreuzottern beobachtet werden konnten. Aus den Binsen dort flochten die Kinder Hüte und Körbe. Die Natur stellte die Mittel bereit, aus denen die Kinder mit Phantasie und Erfindungsgabe Spielzeug bastelten. Für Loki Schmidt ideale Bedingungen, um im Spiel zu lernen und damit spielerisch in das Erwachsenenleben hineinzuwachsen, aus Spiel Ernst werden zu lassen.
"Ich bedauere, dass dies heute nicht mehr so möglich ist", resümiert sie. "Noch so kunstvolle elektronische Spiele regen die Phantasie nicht so an." Damals in der Fischbeker Heide, da waren sie, ihre Geschwister, Cousins und Cousinen - die Großeltern hatten vier Töchter und neunzehn Enkelkinder - und die Nachbarskinder noch ihre eigenen "Gamedesigner". Die Natur stellte die Requisiten bereit, aus denen die Spiele des Sommers gestaltet wurden. Auf dem Heidehügel ihres Grundstücks standen Birken und Kiefern. Der Großvater hatte auch einen Knöterich gepflanzt, einen mit besonders großen Blättern. Die langen Nadeln der Kiefer eigneten sich vorzüglich dazu, die großen Knöterichblätter auf allerlei Weise kunstvoll zusammenzuhalten. So entstanden Gürtel, Schärpen und andere Gegenstände.
Neue Spiele entwickelten sich auch im Zusammenwirken der vielen Kinder und im Lernen voneinander, innovativ und kooperativ. Loki Schmidt sagt es kurz und prägnant: "Unsere Schöpferkraft wurde angeregt." Ein Prozess, und das ist Loki Schmidt sehr wichtig, der sich unter sehr ärmlichen Umständen vollzog: Heidegrundstück und Wochenendhaus, das bedeutete eine spartanisch ausgestattete etwa vier Quadratmeter große Bude ohne Wasser und Toilette. "Bei Regen war es trostlos, aber ich erinnere mich nicht an Regen", außer, die Kinder machten nach einem Gewitter wieder ein Spiel daraus: Sie duschten unter einer Birke, nachdem einer von ihnen in den Baum gestiegen war und ihn schüttelte.
Und wieder ist es das sinnliche Erfahren der Natur, das Loki Schmidt besonders lebendig an die Heide erinnert. "Der Heidesand war schneeweiß, aber abends hatten wir schwarze Füße, schwarze Füße vom weißen Heidesand. Es war so ein sinnliches Vergnügen, durch weißen Heidesand zu laufen!"
Liegen in all diesen Erinnerungen die Wurzeln für ihr späteres Engagement auf dem Gebiet der Botanik? Loki Schmidt verneint. "Das war meine Neugierde. Aber Neugraben war das Feld, das ich damit abgrasen konnte." Neben Spielen in der Natur gab es aber auch noch ein großes Reservoir anderer Spiele: Schlagball und Treibball mit gesuchten, alten Stöcken; Probe an der Wand und ein Spiel mit dem Namen Abo-Bibo. Dabei wurde der Ball mit Kraft auf das Pflaster geprallt und während des Hochprallens und Fangens mussten sich die Mitspieler verstecken.
Kippel-Kappel war ein an beiden Enden angespitztes Holzstück, das mit einem Stock geschlagen werden musste. Den Kreisel bei Kreiselspielen nannten die Kinder Kräusel. Auch Marmel-und Kreisspiele waren beliebt. Anfang der dreißiger Jahre kam ein Geschicklichkeitsspiel mit etwa ein Kubikzentimeter großen Würfeln auf: Bedukt oder Produkt, erinnert sich Loki Schmidt. Der Spielablauf: Fünf Würfel in der Hand, einen hochwerfen, vier hinlegen, einen hochwerfen, einen aufnehmen, einen hochwerfen, den zweiten aufnehmen und das so lange wiederholen, bis alle fünf Würfel wieder in der Hand sind. Wer sich die Würfel nicht kaufen konnte oder wollte, benutzte kleine Steinchen für das Spiel.
Hinkebock war beliebt, das Hüpfen in einer durch Quadrate aufgeteilten Fläche. Die Kinder heute kennen es auch noch: In die einzelnen Quadrate werden Steine geworfen und müssen hinkenderweise wieder aufgehoben werden, ohne dass dabei die Markierungen mit dem Fuß berührt werden. "Und wenn sie als spielerisch auch das Kanonsingen beim Abwaschen verstehen", ergänzt Loki Schmidt, dann habe sie auch das gemacht. Denn als älteste Tochter musste sie in wirtschaftlich harten Zeiten den Haushalt versorgen.
Später als Lehrerin habe sie viele der Kindheitsspiele im Unterricht der ersten Klassen wieder einsetzen können. Der eigenen Tochter und auch Kindern in der Verwandtschaft hat sie gerne Skat beigebracht, ein Spiel, das heute noch gerne im Hause Schmidt gespielt wird. Und nach inzwischen 54 Jahren Ehe mit Helmut Schmidt spielt sie immer noch gerne Schach mit ihrem Mann - obwohl sie meistens dabei verliert. "Wir spielen es regelmäßig, solange wir uns kennen."
Der Schachtisch mit den beiden Stühlen, Intarsienstühlen aus den Vierlanden, hat seinen festen Platz im Wohnzimmer, in der Nähe des schwarzen Flügels. Und es braucht nicht viel Phantasie, um sich gemeinsame Abende vorzustellen, zwischen vielen Büchern, in der Atmosphäre eines über viele Jahre gewachsenen Heimes, jede Ecke, jeder Winkel, jedes Bild, jede Skulptur eine Erinnerung und verbunden mit einer gemeinsamen Geschichte. Einer Geschichte, zu der über Jahre auch Hamburg Neugraben gehört, Neugraben und die Fischbeker Heide im Süden Hamburgs.

  An diesem Schachtisch und den Stühlen mit Vierländer Intarsien spielen Loki und Helmut
  Schmidt seit vielen Jahren Schach miteinander.

(der Artikel ist am 14.Dezember 1996 in der Harburger Rundschau/Hamburger Abendblatt erschienen)

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Hier:
Carlheinz Hollmann, Journalist, Moderator, Autor, Medienmanager

Text und Fotos: Johanna Renate Wöhlke

Luhmühlen - "Geheimnisvolle, unter der S-Bahnlinie zu verschiedenen Orten hin verlegte Schnüre haben gestern die Polizei in Klein Flottbek in Atem gehalten. Erste Vermutungen einer geheimdienstlichen oder konspirativen Aktion bestätigten sich nicht. Vielmehr ermittelte die Polizei einen jugendlichen Bastler als Verursacher. Um mit seinen Freunden in Verbindung zu bleiben und mit ihnen kommunizieren zu können, hatte er die Telefonschnüre vom Haus seiner Eltern aus verlegt. Auf Anfragen der Polizei teilte der Jugendliche Carlheinz H. mit, dass er sich unter anderem mit solchen Aktionen auf sein angestrebtes Berufsziel eines Rundfunkreporters vorbereiten wolle. Dafür sei es nämlich unabdingbar wichtig, mit anderen im Gespräch zu bleiben." So oder ähnlich könnte es sich im Radio angehört haben oder in der Zeitung zu lesen gewesen sein, damals in den vierziger Jahren, als der Jugendliche Carlheinz Hollmann sich spielerisch und doch schon so ernsthaft, systematisch und konkret mit etwas beschäftigte, ohne das die moderne Welt unvorstellbar geworden ist: Kommunikation durch Medien.

Solange er denken kann, wollte er zum Rundfunk. Verbindungen aufbauen, kommunizieren, neugierig sein, berichten - das war sein Ding! Diese neue Welt war im Aufbruch, und er wollte dabei sein. Während des Krieges fummelt er Zuhause mit den Frequenzen der Radiosender und findet den Luftlagesender. Dann tut er etwas, was heute mit dem modernen Wort "Serviceteil" in den Medien erscheint: Je nach Meldungslage versorgt er seine Klassenkameraden zum Beispiel mit Informationen darüber, ob wegen befürchteter Luftangriffe die Schule ausfällt oder nicht.

Nach dem Krieg, 1947, als Schüler des Christianeums in Othmarschen, kann ihn auch das rigorose Urteil seines alten Deutschlehrers nicht erschüttern. Der ertappt ihn beim Radio hören mit einem von einem Engländer geschenkten, transportablen Röhrenradio und wettert empört: "Rundfunk ist ein Werk des Teufels!" Ob der alte Studienrat das auch schon von dem "Fliegenden Hamburger" gesagt hatte? Mit diesem Zug spielte der kleine Carlheinz Hollmann nämlich begeistert als kleiner Junge. Der "Fliegende Hamburger" war 1933 der schnellste Zug der Welt. Da ist der kleine Carlheinz gerade drei Jahre alt. Der Zug bewältigt die Strecke Hamburg-Berlin in 2 Stunden und 21 Minuten, fährt eine Geschwindigkeit von 125,6 Kilometern in der Stunde.

Carlheinz Hollmann erinnert sich an seine Märklin-Eisenbahn und daran, wie total er von allem anderen abschalten konnte, wenn er sich mit ihr und der Strecke beschäftigte. "Ich war wie weggebeamt", sagt er. Heute noch zieren wenige Lokomotiven und Züge sein Büro. Auch Schiffe faszinierten ihn. Modelle besitzt er noch heute. Verbindungen schaffen im kleinkindlichen Spiel durch Bahnen und Schiffe, dann durch Kommunikation - nahtlos zieht sich dieser rote Faden durch das Leben von Carlheinz Hollmann.

  Dieses Modell des Fünfmastvollschiffes
  "Preussen" der Hamburger Laiß-
  Reederei hat Hollmann besonders gern.
  Das Schiff ging 1910 im englischen
  Kanal verloren.






















Er gibt zwar dem Vater, einem Hamburger Kaufmann, nach und macht nach der Schule eine zweijährige kaufmännische Lehre, aber die 250 Mark Anfangsgehalt nach dem Abschluss reizen ihn nicht. Er will Rundfunkleute kennenlernen. Und er lernt sie durch einen Trick kennen. Er meldet sich zu einer Grußsendung, die damals aus der Rothenbaumchaussee auf Kurzwelle übertragen wurde, um seinen Bruder Horst zu grüßen. Er verschweigt, dass sein Bruder sich nicht in der Nähe Hamburgs, sondern gerade in Pakistan aufhält und seine Grüße also bestimmt nicht empfangen kann. Aber - er hat seinen Auftritt und lernt Leute kennen, die großen Kollegen der ersten Stunde. Er bekommt eine Chance und hospitiert für ein halbes Jahr vom 1.Februar 1953 an. Aus Spiel ist endlich Ernst geworden.

Durch Zufall kommt er an seine erste Reportage und die ersten verdienten 50 Mark: Auf dem Nachhauseweg über die zugefrorene Alster sieht er, wie ein englisches Kurierflugzeug auf der Alster notlandet. Er berichtet darüber. In seiner zweiten Reportage berichtet er über Termiten in Altona, die von Seeleuten eingeschleppt worden waren. Hamburg bleibt sein Thema. Nur drei Jahre später holt Werner Baecker ihn in das gläserne Studio der Schaubude. Dort lernt er durch ein Interview 1957 auch seine Frau Gerti kennen, die damalige Miss Germany. Erst lehnt er es ab, sie zu interviewen, dann tut er es doch und ist schließlich genauso beharrlich im Erobern seiner Frau, wie er es im Verfolgen seiner beruflichen Ziele war: er steigt ihr nach, überrascht sie mit Geschenken und Aufmerksamkeiten. Im nächsten Jahr feiern beide ihren vierzigsten Hochzeitstag.

Spielen heute? Gerti und Carlheinz Hollmann verneinen. Die Kinder sind groß. Sie sind inzwischen ein berufliches Team im Rahmen ihrer Firma. Die Organisation des Hafengeburtstages, des Alstervergnügens, zahlreicher Galas und Veranstaltungen gestalten ihr Leben turbulent, verbinden Spiel und Ernst, erfordern Neugier, psychische Präsenz, Offenheit und - wie könnte es anders sein: immer und immer wieder Kommunikation!

  Aus dem kleinen Blechmodell des
  "Fliegenden Hamburgers" aus
  Kindertagen zieht Hollmann einen alten
  Zeitungsartikel aus dem Jahre 1982
  über den Zug, erschienen am
  15. Dezember im Hamburger
  Abendblatt
  













(Der Artikel ist am 25. Februar 1997 im Hamburger Abendblatt/Harburger Rundschau erschienen)

Carlheinz Hollmann ist am 4. Mai 2004 verstorben.
Seine Homepage existiert noch unter www.carlheinzhollmann.de.

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Professor Hermann Rauhe
ehemaliger Präsident, jetzt Ehrenpräsident der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Hamburg

von Johanna Renate Wöhlke

Erwartungsvoll, neugierig und gespannt fahre ich an diesem Morgen zum verabredeten Interviewtermin mit dem Präsidenten der Hochschule für Musik und darstellende Kunst am Harvestehuder Weg, Professor Hermann Rauhe. Denn schon auf dem Anrufbeantworter und später am Telefon hat er spontan und begeistert auf das Thema reagiert und dadurch in mir einen Erwartungszustand wachgerufen - Neugier auf das Gespräch, die Situation, das Zusammentreffen mit einer offensichtlich aufgeschlossenen, offenen und begeisterungsfähigen Persönlichkeit, die Zugänge zu sich selbst nicht versperrt, sondern weit aufmacht. So jedenfalls stellt es sich mir schon nach den wenigen Sätzen dar, die wir bislang miteinander gewechselt haben.
"Nirgendwo ist der Mensch so sehr er selber wie im Spiel", empfängt er mich, und es sprudelt aus ihm heraus wie aus einer unerschöpflichen Quelle, die sich schon aus so vielen Wassern gespeist hat, dass in ihr reiches Wissen und Erfahrung zu sein scheint, vernetzt und ineinander verwoben, wie das wohl nur auf der Höhe eines erfüllten Forscher- und Lehrerlebens möglich wird.
Spiel und die Bedeutung des Spielens als Bestandteil des menschlichen Lebens, das sei für ihn ein ganz heißes Thema, unmittelbar verknüpft mit den drängenden Zukunftsproblemen unserer Zeit. "Unsere Zeit ist geprägt durch Mangel an Phantasie, Mangel an Spielfreude", diagnostiziert er. Aber gerade das im Spielerischen möglich werdende sich Ausklinken aus der Realität, mit Gedanken spielen, dabei Visionen und Modelle für die Zukunft zu entwickeln, sei so unendlich wichtig.
"Alles was ich erreicht habe, habe ich durch Phantasie, Freiheit und Lockerheit erreicht, indem ich mit allen Möglichkeiten im kreativen, gestaltenden Sinne gespielt habe und damit das Spiel zum Beruf und den Beruf zum Spiel gemacht habe." Und er setzt hinzu: "Die Lust am Spiel hat auch zu tun mit dem Mut zum Experiment, zum Wagnis, der Suche nach Zusammenhängen und dem Eingehen von Risiken."
Hier baut und findet er selbst die Brücke zu einem Spielereignis seiner Kindheit, die er auf einem ausgebauten Restbauernhof in Wannga bei Otterndorf nahe Cuxhaven verlebt hat. Dort gab es unter dem Dach eine Spielkammer mit viel Spielzeug, Hermann Rauhe erinnert auch eine schöne Eisenbahn. Angeregt durch den Beruf des Vaters, der Naturwissenschaftler war, baute er sich eine Versuchsreihe mit Reagenzgläsern und experimentierte mit chemischen Substanzen.
Dabei kam es, als er 12 Jahre alt war, zu einer Wasserstoffexplosion, die einen Teil der Dachschräge zerstörte. Das entstandene Riesenloch ließ den Jungen so erschrecken, dass sich seither seine Interessen von der Naturwissenschaft weg verlagerten. Es blieb die Liebe zum Forschen und Erkennen von Zusammenhängen, deren Gegenstand später die Musik als Modell sinnerfüllten Lebens wurde, in all ihren möglichen Vernetzungen zwischen Wissenschafts- und Forschungsbereichen wie zum Beispiel Medizin, Psychologie, Pädagogik, Religion, auf denen sich Rauhe inzwischen einen international anerkannten Namen gemacht hat. Weltweite Rufe an fremde Universitäten haben ihn erreicht. Aber gerade hat er seinen Vertrag bis in das Jahr 2002 für Hamburg verlängert. "Brahms ist nach Wien gegangen, sie nicht", weiß er in diesem Zusammenhang als eine bestätigende und seine Hamburger Arbeit würdigende Bemerkung anzuführen.
Noch heute zieht er seine Kraft aus der Stille, aus der Meditation und dem Gebet, vielleicht auch deshalb, weil die positive Erinnerung an das Elternhaus und dessen ruhige Lage zwischen Wald und Feldern ihn geprägt hat. Seine eigene Spielfreude mit Möglichkeiten, Modellen und für manche Fachkollegen radikal scheinenden, neuen Ansätzen hat der Hamburger Hochschule neue Gebiete dadurch erschlossen, dass er neben dem Absichern und Weiterentwickeln der klassischen Ausbildungsbereiche gegen die starre Trennung von "E" und "U" Musik kämpfte, mit Erfolg. Gemeinsame Projekte mit Pop- und Jazzgruppen, enge Zusammenarbeit mit öffentlich-rechtlichen und privaten Rundfunk- und Fernsehanstalten, Schallplattenfirmen, Film- und Fernsehproduktionsgesellschaften, Verlagen der Printmedien gehören inzwischen nach 18 Jahren der Präsidentschaft Rauhes in Hamburg zum Alltag der Hochschule.
"Spielend mit und denkend in Alternativen zwischen Risiko und Chance, immer auch träumend und umsetzend", so sieht er sich. Dass dieser Ansatz weltweit bei der Lösung der anstehenden Probleme der Menschheit gefragt ist, spiegelt sich auch in der Sprache anderer Kulturen wider, ergänzt er. Im Chinesischen zum Beispiel sei das Wort für Risiko und Chance dasselbe - Lebenserfahrung, die uns allen zugänglich ist: Das Leben selbst spielt immer mit allen Möglichkeiten, egal in welche fest gefügten Strukturen wir es gerne einfügen wollen oder nicht.

  Gern zeigt Hermann Rauhe ein altes Lokomotivmodell, das in seinen Diensträumen steht.
  Aber auch die drei Goldenen Schallplatten für jeweils 250 000 verkaufte Exemplare der
  CD-Reihe "Die schönsten Kinderlieder für die vier Jahreszeiten".
  

  Ob am Flügel oder im Leben - sich
  spielerisch kreativ und gestaltend
  entfalten oder an Problemlösungen
  machen, das ist eine von Hermann
  Rauhes Botschaften.
  














(Der Artikel ist am 11.Oktober 1996 im Hamburger Abendblatt/Harburger Rundschau erschienen)

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Hans-Ulrich Klose
ehemaliger Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg und vieles mehr

von Johanna Renate Wöhlke

Eine Gruppe kleiner Jungen läuft auf einem Friedhof hinter einem Beerdigungszug her, beobachtet was geschieht, stellt den Zug nach. Am Wegesrand pflücken die Jungen Löwenzahnblüten und werfen sie später auf das Grab. Wirklichkeit und Spiel mischen sich in dieser Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod, im spielerischen Kontakt mit Tod, Trauer, Tränen, Spannung und Lachen. Der kleinste dieser "Gang" heißt Hans-Ulrich Klose. Er hat ein an Grenzerfahrungen reiches politisches Leben im Zusammenwirken vieler vor sich: als Mitglied des Bundestages für die SPD, ihr Schatzmeister und Fraktionsvorsitzender, Erster Bürgermeister Hamburgs, Bundestagsvizepräsident und auch Vorsitzender der AG 60 Plus, der Seniorenorganisation in der SPD.

Spielen als kleiner Junge, damals in Breslau und als Sechsjähriger ab 1943 evakuiert nach Bad Landeck im heutigen Polen, das bedeutete immer spielen in der Gruppe, in Gemeinschaft mit vielen Kindern. Diese Erfahrung hat Hans-Ulrich Klose nachhaltig geprägt: "Viele mit denen man umging, so auch mein vier Jahre älterer Bruder, haben die jüngeren natürlich auch gedeckelt. Wir mussten einstecken, aber wir haben auch gelernt, nicht gleich von jetzt bis zur nächsten Sekunde aufzugeben."

Spielen bedeutete auch immer spielen mit den Dingen, die es einfach so gab, nicht mit Spielzeug. Der Bauernhof gegenüber, der Sattler und Schmied daneben, sie waren reales Leben, aber auch die Spiel- und Beobachtungsfelder. Zuschauen und nachspielen waren angesagt, kreativ umgehen mit den Dingen, die es gab oder die selbst gebastelt werden konnten. Da wurden zwei Jungen zu Pferden, einer zum Wagen, ein anderer zum Kutscher. Da waren die nicht voneinander abgegrenzten Gärten ein Revier, das wie eine Wildnis durchschlängelt und durchstöbert werden konnte und die Äpfel und Kirschen in Nachbars Garten immer wieder begehrte Ziele von Streifzügen.

Gemeinsam pflückten die Kinder auch Beeren und sammelten Pilze im Wald. Hans-Ulrich Klose: "In unserer nicht wie heute so medial bestimmten Kinderwelt mussten wir kreativ mit den Dingen umgehen, die wir hatten." Umso mehr als zwischen 1944 und 1946 wegen des Krieges kein Schulunterricht stattfand. Dann wurde auch der Krieg im Spiel imitiert: das Soldatsein, spannende Straßenkämpfe. Zoff in der Gruppe, das gab es natürlich auch. Hans-Ulrich erinnert sich mit gemischten Gefühlen daran, besonders aus einem Grund: Er war bis zu seinem siebzehnten Lebensjahr mit Abstand der kleinste. "Kann sein, dass ich ein kleiner Terrier Typ war, denn ich musste mich immer behaupten und kämpfen", meint er heute.

Angenehm ist die Erinnerung an den Vater, einen Lehrer. Er las an langen Winterabenden vor, auch der Schimmelreiter und Pole Poppenspeeler waren dabei. Ein Spielzeug war allerdings auch für den jungen Hans-Ulrich unverzichtbar: der Ball. "Wo ein Ball ist, ist Klose", hieß es damals. Auch in der kirchlichen Jungschar wurde viel Sport getrieben. "Ich war ein guter Tischtennisspieler", erinnert er sich. Heute spielt er noch Tennis. Geprägt durch die Spiele der Kindheit war auch Hans-Ulrich Kloses erster Berufswunsch als Kind: Sattler. Als Gymnasiast erwachte dann sein Interesse für Geschichte und Archäologie. Er wechselte sogar das Gymnasium, weil er Altgriechisch lernen wollte. Durch das Herstellen und Binden eigener kleiner Bücher zog es ihn kurzfristig auch zur Buchbinderei. Und als er dann Abitur machte, wäre er gerne als Offizier Pilot geworden, schwankte dann zwischen den Fächern Germanistik, Englisch und Geschichte, entschied sich aber aufgrund der Lektüre eines Buches, das ihm sein Vater gegeben hatte: "Einführung in das juristische Denken", für Jura.

Vorher aber geschieht 1954 der entscheidende Einschnitt im Leben des jungen Klose: Er geht ein Jahr als Austauschschüler in die USA. Danach ist er nicht nur zwanzig Zentimeter gewachsen, sondern auch sein Interesse für Politik ist durch die Berührung mit der amerikanischen Demokratie und dem beeindruckenden Wohlstand des Landes erwacht. Dabei war die Entscheidung zwischen SPD und FDP von Anfang an nicht klar, obwohl der Vater SPD-Mitglied war. Erst am 1.März 1964 tritt er in die SPD ein. Klose: "Mein Vater war so klug, mir nur wenige Ratschläge zu geben. Einer davon war: Wenn du nicht willst, dass die roten oder braunen Banausen es machen, mach es selbst." Mit roten Banausen waren die Stalinisten, mit braunen die Nazis gemeint.

Warum also die SPD? Klose nennt fünf Punkte: die Spiegel-Affäre, den amerikanischen Präsidenten Kennedy, sein Interesse an Geschichte, "die rationale Einsicht, dass die SPD eine ungebrochene demokratische Tradition hatte" und "dass die Freiheitsrechte unserer Verfassung nur umgesetzt werden können, wenn die materiellen Bedingungen stimmen". Vor allem auch wollte er seinen eigenen Beitrag leisten, selbst etwas tun, mit eigenen Vorstellungen gestalten, "auch wenn mein Beitrag noch so klein sein würde" und wenn es wie früher in der Gemeinschaft der spielenden Kinder eine Gratwanderung bedeutete zwischen gedeckelt werden, einstecken müssen, durchhalten und nicht aufgeben.

Spielerisch begleitet hat ihn dabei seit dem zweiten Jurasemester ein Kartenspiel mit Namen Stichling, bei dem es darauf ankommt, vor jeder Runde vorauszusagen, ob man den Stich bekommen wird oder nicht. Ein Spiel mit drei bis sechs Personen, angesiedelt zwischen Glück und Berechnung. Alle vier Klose Kinder spielen es, die Familie und Freunde. Klose hat es ihnen beigebracht. Miteinander, gemeinsam in der Gruppe etwas zu tun und zu spielen, Hans-Ulrich Klose scheint es immer noch zu mögen.

  Hans-Ulrich Klose erklärt einer Mitarbeiterin, Ute Berger, sein Lieblingskartenspiel Stichling.
  

(Der Artikel ist am xx.xx 19xx im Hamburger Abendblatt/Harburger Rundschau erschienen)

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